Vom Leben im Camper zurück ins Steinhaus

Vom Leben im Camper zurück ins Steinhaus

26. Oktober 2021 Vanlife 0

Leben im Camper fasziniert und begeistert aktuell viele Menschen. Man sieht es auf YouTube oder auf Instagram: Bullis und Kastenwägen mit Lichterkette und Makramee ausgestattet, stehen in unberührter Natur und die Besitzer trinken einen Kaffee im Licht der aufgehenden Sonne. Aber wie ist die Wirklichkeit?

Wir haben Fanni und Daniel befragt, die aktuell Vollzeit in ihrem Camper-Gespann leben. Sie planen gerade wieder in ein festes Zuhause zu ziehen. 

Beginn der Geschichte vom Leben im Camper

Fanni und Daniel, vielen herzlichen Dank, dass wir euch zu diesem Thema interviewen dürfen. Gerade aktuell, wo viele Menschen in ihr fahrbares Mobil ziehen, macht ihr das Gegenteil. Bevor wir aber zu den Gründen kommen, warum ihr mit dem Vanlife aufhört, nehmt uns doch bitte zunächst mit auf den Beginn eurer Reise.

Daniel: Es war im Frühjahr 2017, als Fanni von den sogenannten Digitalen Nomaden gehört hatte, und mich gleich überzeugen konnte, einen solchen Lebensstil anzustreben. Zu dieser Zeit lebten wir in unserer ersten gemeinsamen Wohnung. Wir haben dann monatelang überlegt, wie man ortsunabhängig Geld verdienen kann und gleichzeitig haben wir schon damit begonnen einen Großteil unserer Sachen zu verkaufen. Schließlich gingen wir den kürzesten Weg: Ich arbeite als Controller und konnte meinen Chef davon überzeugen, dass ich meine Büroarbeit genauso gut ortsunabhängig ausführen kann. Zur gleichen Zeit bekamen wir unseren ersten Sohn Emil.

Elternzeit im Wohnmobil

Ich nutzte das erste halbe Jahr und einen Teil meiner Elternzeit zum Ausbau unseres alten VW LT 28. Diesen hatten wir bereits schon ein paar Jährchen, aber er musste komplett neu ausgebaut werden. Der Aufbau dauerte sechs Monate, sodass wir unseren HibisBus schließlich am 1. Oktober 2018 beziehen konnten. Über die Niederlande, Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal kamen wir erst im April 2019, pünktlich zu Emils 1. Geburtstag zurück nach Deutschland.

Den Sommer 2019 haben wir dann im Van lebend in Deutschland verbracht, bis schließlich im September 2019 unser zweiter Sohn Heinrich geboren wurde. Hierfür haben wir uns eine kleine günstige Wohnung in meiner Heimatstadt angemietet und dort den Winter mit unseren beiden Söhnen verbracht.

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Zurück in ein rollendes Zuhause

In der Wohnung hat es euch auf Dauer allerdings nicht gehalten. Wie ging eure Geschichte weiter?

Fanni: Das stimmt. Wir haben das Reisen und das Vanlife vermisst. Da wir aber mittlerweile zu viert waren haben wir, um mehr Platz für das Leben unterwegs zu haben, Anfang 2020 einen alten Oldtimerwohnwagen gekauft. Dieser war in einem ziemlich schlechten Zustand. Unter anderem musste der völlig verfaulte Boden komplett ausgetauscht werden, um eine TÜV-Zulassung zu erhalten.

Und dann kam Corona

Mit viel Arbeitsaufwand hat Daniel das aber geschafft und hat damit ein rollendes Kinder- und Arbeitszimmer geschaffen. Corona bedingt ging unsere erste Reise mit Gespann erst im September 2020 los. Wir reisten einen Monat durch Dänemark und nach einem kurzen Stopp in Deutschland ging es dann Mitte Oktober 2020 schnurstracks nach Griechenland, wo wir den ganzen Winter blieben. Hier haben wir mehr oder weniger Corona-beschränkt das Land bereist.

Vanlife lässt einen nicht mehr los!

Was hat euch dazu bewogen nach der Zeit in der Wohnung doch wieder Vollzeit in einem Camper leben zu wollen?

Daniel: Die Wohnung, die wir uns gemietet haben war nie dafür bestimmt, lange darin zu leben. Es sollte eine typische „digital nomad base“ sein und das ist sie auch: billig und klein. Aufgrund vieler negativer Aspekte möchten wir aber keinen weiteren Winter in dieser Wohnung verbringen. Wegen Corona zögerten wir, das zweite Mal in den Van zu ziehen, aber hätten wir es nicht gemacht, wäre im Grunde alles umsonst gewesen: wir hatten unseren ganzen Hausstand verkauft, unsere Karrieren beschnitten, ein Wohnmobil ausgebaut und sogar noch einen Wohnwagen dazu. Wären wir nun in eine größere Wohnung gezogen, wäre das ganze Vanlife für uns bereits vorbei gewesen. Unnötig zu erwähnen, dass wir natürlich auch eine starke Sehnsucht nach der Ferne hatten und wirklich keine Lust auf den deutschen Winter!

Vanlife mit Kids – Vergrößerung des Wohnraums 

Ihr habt euch sehr gut auf den neuen, alten Alltag im Van vorbereitet. Dazu gehörte die Vergrößerung eures Wohnraumes. War die Realität dann auch so, wie ihr sie euch vorher vorgestellt habt?

Daniel: Ich möchte hier mit einer Gegenfrage antworten: Kann man sich wirklich auf das Elternsein vorbereiten? Vermutlich nicht und genauso ging es uns auch mit dem Vanlife mit zwei kleinen Kindern unter drei Jahren.

Auch bei unserem jetzigen Vanlife gibt es ein paar Dinge, an die wir vorher nicht gedacht haben: beispielsweise kannst du dein Kind nur schlecht am Strand spielen lassen, wenn der Wind den Sand über den Boden peitscht. Gleichzeitig musst du in permanenter Aufmerksamkeit dein Baby im Blick haben, damit es nicht irgendwelche Dinge vom Boden aufsammelt und in den Mund nimmt. Diesen “Mindload” haben wir definitiv unterschätzt.

Die Lösung war Wohnmobil mit Anhänger

Die Lösung sollte dann ein eigenes Kinderzimmer in Form eines Wohnwagens sein. Hierdurch sind wir deutlich unabhängiger, wenn das Wetter mal nicht mitspielt und gleichzeitig ist unser Wohnwagen auch eine sehr großzügige Abstellkammer.

Während eine Person mit den Kindern spielt, kann die andere Person im jeweils anderen Fahrzeug seiner Arbeit nachgehen. Zugegeben, das Rangieren nervt manchmal, aber ein leerer Wohnwagen ist auch nicht so schwer, dass ein Abkoppeln besonders schwierig ist.

Kurzum: Wir können die Lösung Wohnmobil + Wohnwagen wirklich empfehlen.

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Schluss mit dem Leben im Camper!

Ihr wart jetzt fast 6 Monate in Griechenland und habt dort den gesamten Winter verbracht. Schon während der Reise habt ihr euren Followern bei Instagram Einblicke in den nicht immer einfachen Alltag einer reisenden Familie gegeben. Mitte April habt ihr dann eure Reise beendet und seid nach Deutschland zurückgefahren, um auf Haussuche zu gehen. War das ein schleichender Prozess oder gab es ein besonderes Erlebnis, das euch dazu gebracht hat, nun ein festes Zuhause zu suchen? War das eine Herz- oder eine Kopfentscheidung?

Daniel: Wir würden schon sagen, dass das Ganze als eine Kopfentscheidung begann, aber mittlerweile zu einer Herzentscheidung herangewachsen ist. Unterm Strich finden wir, dass der Lebensstil als arbeitende Familie mit zwei Kleinkindern einfach zu anstrengend ist, als dass wir es nach nun fast 2 Jahren noch mit der gleichen Begeisterung weiterleben können. Für uns sind folgende Punkte besonders hervorzuheben:
Die wirklich permanent gefragte Aufmerksamkeit den Kindern gegenüber in einer stets wechselnden Umgebung schlaucht einfach zu sehr. Wem jetzt hier romantische Gedanken kommen, dem möchten wir gleich einmal mit der Realität konfrontieren: fast überall an den Stränden oder den üblichen Stellplätzen liegt Müll rum!

Gefahren lauern überall

Man muss den Kindern in wirklich jeder Sekunde hinterher sein, damit sie keine Steine, Glasscherben, Plastik, Essensreste, tote Tiere, Kippen oder sonst irgendetwas aufsammeln und schlimmstenfalls sogar in den Mund nehmen. Und selbst da, wo kein Müll liegt, können oder wollen wir den Kindern nicht von der Pelle rücken. Denn so sind Kinder nun einmal: sie erkennen die Gefahren nicht. In diesem Zusammenhang möchten wir auch erwähnen, dass uns die häufig freilaufenden Hunde ein schlechtes Gefühl geben, wenn sie den Kindern zu nahekommen. Ebenso gibt es ungesicherte Brunnen oder Schächte im Boden, die ebenfalls eine große Gefahr darstellen.
Das alles sind hundert Problemchen, die man jeden Tag bewerkstelligen muss und die man nicht hat, wenn man sich mit den Kindern hauptsächlich in einer Wohnung oder einem Haus aufhält.
Meine Arbeit ist zwar ortsunabhängig aber nicht zeitunabhängig.

Eigentlich ist dies ein komischer Grund, denn das Arbeiten von unterwegs macht diesen Lebensstil ja erst möglich. Da ich aber mittlerweile einen neuen Arbeitgeber habe, der viel Geld bringt und noch mehr Spaß macht, kommt es nicht in Frage, diesen Job sausen zu lassen. Ich schaffe es ca. 25 Stunden wöchentlich dafür zu arbeiten. Das mag jetzt nach wenig klingen, aber mehr Zeit können wir uns nicht erkämpfen, neben all den organisatorischen Aufgaben, die täglich anfallen, wenn man als Familie im Wohnmobil lebt. Das Wetter spielt für uns eine große Rolle.



Portugal und Griechenland sind im Winter kälter als man denkt

Auch in Griechenland oder Portugal, also den wärmsten Ländern des europäischen Festlandes, wird es im Winter kalt bis an den Gefrierpunkt und auch dort ist es um 17 Uhr so dunkel, dass man sich danach mit den Kindern nicht mehr außerhalb des Wohnmobils aufhalten kann. Mit diesen beiden Aspekten könnten wir zwar leben, aber wenn es dann tagelang regnet und überall Wasserpfützen sind, dann kann selbst unsere Wohnwagenlösung das Problem nicht mehr abfangen. Schließlich müssen sich die Kinder irgendwann bewegen und dann wird mehrfach täglich die nasskalte Kleidung gewechselt, die man unterwegs auch erst einmal trocken bekommen muss.

Die Betreuung der Kinder, das Bewerkstelligen der Arbeit und das Managen der winterlichen Wetterkapriolen nehmen so viel Zeit in Anspruch, dass jeder abends erstmal seine Me-Time braucht und sich in der Regel am Smartphone ausruht (zumindest im Winter, wenn es draußen dunkel und kalt ist). Was uns sehr fehlt: die Paarzeit! Natürlich können wir die Kinder nicht einfach mal so zu den Großeltern bringen. Das heißt wir hängen alle permanent auf 6 Quadratmetern aufeinander und hieran leidet die Beziehung sehr.

Sehnsucht nach Zweisamkeit

Wir sehnen uns nach einer Zweisamkeit, die das Leben im Wohnmobil, so wie wir es leben, einfach nicht bieten kann. In unserem neuen festen Zuhause haben wir wieder mehr Raum, den wir nach der Zeit einfach benötigen. Raum, um sich auch mal als Paar aus dem Weg zu gehen, Raum, in dem die Kinder auch mal ohne ihre Eltern sein können (Kita), Raum, in dem man kreativen Ideen nachgehen kann und schließlich Raum, in dem man wirklich ungestört arbeiten kann.

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Daniels und Fannis Zukunftspläne

Bedeutet für euch festes Zuhause auch das Ende vom Reisen? Wenn nein, wie plant ihr Reisen in euren Alltag zu integrieren?

Fanni: Nein, das Reisen ist nicht vorbei! Schließlich steht ein perfekt ausgebautes Campinggespann direkt vor unserem Haus! Daniel behält seine ortsunabhängige Tätigkeit und ich habe als Lehrerin natürlich viele freie Wochen im Jahr. Dann kann man gegebenenfalls auch mal dahin fliegen, wo es im Winter wirklich warm ist!
Trotzdem werden wir es jetzt erstmal ruhig angehen lassen und uns in unserem Haus (das erst einmal gefunden werden muss!) kreativ auslassen. Durch unzählige Gespräche mit allen möglichen Leuten auf unserer Reise, hat Daniel übrigens sein “perfektes Expeditionsmobil für eine Weltreise” im Kopf. Bis es soweit ist, werden aber ein bis zwei Jahrzehnte vergehen… Man wird ja noch träumen dürfen…

Leben im Camper als Familie – Daniels Ratschlag

Was würdet ihr Menschen (auch mit Kindern) raten, die ein dauerhaften Leben im Wohnmobil planen?

Daniel: Haha, zum einen, dieses Interview zu lesen und zum anderen die von uns ins Leben gerufenen #vanlifegründe auf Instagram zu lesen. Hier haben wir genau die motivierenden Argumente zusammengezählt, die wir damals gerne gehört hätten, als wir mit dem Gedanken spielten, ins Vanlife aufzubrechen. Schwerpunkt dieses Interviews lag natürlich auf einem anderen Punkt.

Wir bereuen es nicht, dass wir fast zwei Jahre gereist sind, wundervolle Orte und Menschen kennengelernt haben und dabei sogar mehr Geld auf dem Konto angehäuft haben! Gleichzeitig verleitet uns das aber auch zu folgender Aussage: Wenn du WIRKLICH, WIRKLICH jahrelang das Fulltime-Family-Vanlife genießen willst, musst du nicht nur ortsunabhängig, sondern eben auch zeitunabhängig Geld verdienen, damit die anderen Lebensbereiche nicht leiden! Da führt aus unserer Sicht nichts drum herum, außer du gehörst zu den wenigen Menschen, die mit ganz wenig Geld, sorgenfrei leben und in die Zukunft blicken können.

Nicht ohne Backup ins Vanlife starten

Und dazu fallen uns dann doch noch ein paar Dinge ein, die wir uns nicht verkneifen möchten: Dein Vanlife-Mindset kann nur dann ein gutes Fundament haben, wenn du der Realität ehrlich ins Auge blickst. Wir erleben immer wieder, dass Leute “abschalten”, wenn wir von den negativen Dingen des Lebensstils berichten, obwohl genau hier ein Wachstum deines Mindsets erfolgen kann. Bitte stürze dich nicht mit deiner Familie in ein “no-turning-back-familyvanlife“, wenn du keinerlei Camping-Erfahrung hast. Bitte verstehe, dass du auch von 15.000 Followern nicht leben kannst, und dass nur die allerwenigsten Accounts solche Zahlen erreichen.

Ferner bleibt uns aber auch zu sagen, dass wir das Ganze immer aus der Brille von Eltern betrachten. Wenn du Single bist oder ihr in einer Beziehung ohne Kinder seid, dann kannst du getrost alles Negative, was wir hier berichten, vergessen! Dann kann dir der Müll, das Wetter und die Karriere auch wirklich egal sein!

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Vielen herzlichen Dank Fanni und Daniel für diese sehr ehrlichen Antworten. Wir wünschen euch eine tolle Zeit, wo immer euer neues Zuhause sein wird.

Hier seht ihr die Roomtour ihres Campers.

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