Leben in Gemeinschaften – Fluch oder Segen? Die Vor- und Nachteile vom gemeinschaftlichen Zusammenleben

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Alternative Lebensformen werden immer beliebter. Vor allem das gemeinsame Leben mit Gleichgesinnten ziehen immer mehr Menschen in Betracht. Schon Aristoteles sagte „Der Mensch ist von Natur ein Gemeinschaft bildendes Wesen“.  Doch wie finde ich überhaupt eine Gemeinschaft, die zu mir passt? Welche Vorteile bietet mir dieser Lebensstil? Und welche Herausforderungen erwarten mich?

Wir haben uns mit dem Thema beschäftigt und euch die wichtigsten Infos zusammengefasst. Außerdem haben wir zwei Menschen getroffen, die sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Leben in Gemeinschaften gemacht haben und ihnen ein paar Fragen gestellt.

Die verschiedenen Arten von Gemeinschaften

Es gibt verschiedene Motivationen, warum sich Menschen zu Gemeinschaften zusammenschließen. Diese können sowohl praktische Gründe haben, als auch auf Sympathie beruhen oder auf einem gemeinsamen Ziel. 

Wohngemeinschaft (WG)

Die wohl bekannteste Form der Gemeinschaft ist die klassische Wohngemeinschaft. Hier hat meist jeder sein eigenes Zimmer und die anderen Räume wie Küche und Bad werden gemeinsam genutzt. Manche entscheiden sich hierfür, um sich das Geld für die Miete teilen zu können. Andere wiederum sind einfach gerne in Gesellschaft oder wollen Ressourcen sparen.

Wie intensiv das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft ist, kann individuell entschieden werden. Von einer familienähnlichen Struktur mit gemeinsamen Mahlzeiten und Unternehmungen bis hin zu einer reinen Zweckgemeinschaft, in der jeder für sich ist.

Um eine passende WG zu finden, gibt es viele Online-Portale wie zum Beispiel www.wg-gesucht.de

Kommune

Kommunen haben eine politische Motivation und zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie Machtstrukturen konsequent ablehnen. Die Gleichberechtigung aller spielt eine große Rolle und Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip entschieden.

Ein wichtiger Aspekt einer Kommune ist außerdem das gemeinsame und solidarische Wirtschaftsprinzip. Meistens haben Kommunen eine gemeinsame Kasse, in die alle Erträge eingezahlt werden und aus der jeder nach seinen persönlichen Bedürfnissen Geld entnehmen kann.

Ein Netzwerk politischer Kommunen findest du zum Beispiel hier: www.kommuja.de 

Gartenarbeiten in eine Gemeinschaft

Ökodorf

In dieser Form von gemeinschaftlichem Zusammenleben steht vor allem die Verantwortung für die Umwelt und die Ressourcen im Vordergrund. Ziel ist es, den ökologischen Fußabdruck jedes einzelnen so gering wie möglich zu halten. Daher wird in Ökodörfern großer Wert auf die Selbstversorgung und den Anbau von Obst und Gemüse gelegt. Auch findet man hier meist eine solare Strom- und Wasserversorgung, Komposttoiletten und das Bauen mit natürlichen Rohstoffen wie Stroh oder Lehm.

Ein bekanntes Ökodorf ist zum Beispiel das „Sieben Linden“, das 1997 gegründet wurde und von 100 Erwachsenen und 40 Kindern bewohnt wird. www.siebenlinden.de 

Alternative Lebensgemeinschaften

Zudem gibt es auch noch Lebensgemeinschaften, die sich keiner Kategorie zuordnen lassen, sondern ein bisschen von allem beinhalten. Wie zum Beispiel die „Finca Argayall“ über die wir in diesem Artikel berichtet haben.

In diesen Gemeinschaften kommen oft Menschen aus unterschiedlichsten Ländern zusammen und teilen Lebensraum und Aufgaben in ihrer Gemeinschaft. So kann sich jeder nach seinen Fähigkeiten und Vorlieben einbringen und seinen Teil zur Gemeinschaft beitragen.

Du gärtnerst gerne? Dann arbeite im Garten mit, sofern es einen gibt oder bringe deine Talente in anderen Bereichen ein. Wie diese Gemeinschaften aufgebaut sind, ist völlig unterschiedlich. Es kann ein Stück Land sein, auf dem jeder in seinem eigenen Camper oder Zelt lebt oder eine große Finca, die man sich teilt. Meist gibt es regelmäßige Zusammenkünfte, um die Aufgaben zu besprechen und das Zusammenleben zu organisieren. 

Darüber hinaus gibt es natürlich noch mehr Gemeinschaften, in denen Menschen zusammenleben wie Mehrgenerationenhäuser, Klöster, betreutes Wohnen und viele mehr.

Gruppe von Personen essen gemeinsam am Tisch

Wie finde ich die für mich passende Gemeinschaft?

Wenn du dich dafür interessierst, in einer Gemeinschaft zu leben, solltest du vorher genau überlegen, welche Art von Zusammenleben zu dir passen könnte. Stelle dir hierfür vor allem folgenden Fragen:

  • Welche Werte sind mir in einer Gemeinschaft wichtig? (z.B. Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung…)
  • Welche Fähigkeiten und Talente kann und will ich einbringen?
  • Wie viel Privatsphäre brauche ich? Ist mir ein eigener Bereich wichtig?
  • Wo möchte ich leben? Welche Gegenden oder Länder kommen für mich in Frage?
  • Wie viel Zeit kann ich in das Gemeinschaftsleben und eventuell anfallende Aufgaben investieren?

Wenn du eine Gemeinschaft gefunden hast, heißt es: Kennenlernen. Da es beim Zusammenleben vor allem darauf ankommt, dass die Chemie stimmt, nimm dir ausreichend Zeit für diesen Prozess. Zunächst solltest du ein erstes Treffen vereinbaren, bei welchem du dir alles anschauen und erste Informationen bekommen kannst. Achte hierbei vor allem auf dein Gefühl.

Nach dem ersten Beschnuppern kann es sein, dass du eingeladen wirst, als Gasthelfer vorbeizukommen. Das bedeutet, dass du für eine bestimmte Zeit in der Gemeinschaft mitarbeitest und die Aufgaben und Abläufe kennenlernst. Nur so kannst du dich komplett in die Gemeinschaft einfühlen, Kontakte knüpfen und herausfinden, ob ihr zueinander passt.

Hast du dich nun dafür entschieden, dass du Teil der Gemeinschaft werden möchtest, kann es sein, dass du zunächst eine Probezeit hinter dich bringen musst. Diese kann einige Wochen oder auch Monate dauern. Während dieser Zeit lebst du dich in die Gemeinschaft ein und findest deinen Platz.  Erst nach dieser Zeit wird meist entschieden, ob du in die Gemeinschaft aufgenommen wirst oder nicht. 

Auch wenn sich das Ganze nach einem langwierigen Prozess anhört, ist es wichtig, dass neue Mitglieder einer Gemeinschaft mit Bedacht ausgewählt werden. Nur wenn man zueinander passt und gut miteinander harmoniert, kann das Zusammenleben gelingen. 

Ein Buch mit vielen verschiedenen Gemeinschaften Europas ist das “Eurotopia Verzeichnis”. 430 Gemeinschaften, Ökodörfer, Siedlungs- und Wohnprojekte stellen sich darin vor.

Mann arbeitet im Garten

Welche Vorteile bietet mir eine Gemeinschaft?

Das Zusammenleben in Gemeinschaften kann in vielen Punkten eine Bereicherung sein. Es gibt verschiedene Vorteile, von denen du profitieren kannst:

  • Solidarität: In einer Gemeinschaft sind die Mitglieder füreinander da und unterstützen sich. Dadurch, dass jeder andere Fähigkeiten und Talente mitbringt, ergänzt man sich untereinander und hilft sich gegenseitig. Du wirst daher im besten Fall weder mit einem kaputten Wasserhahn noch mit Liebeskummer alleine dastehen.
  • Freizeit: Du brauchst dich nicht erst verabreden, um deine Freizeit in Gesellschaft zu verbringen. Sei es ein gemeinsamer Grillabend, Partys oder Ausflüge.
  • Kontakte: Als geselliger Mensch bist du in einer Gemeinschaft nie alleine. Es ist immer jemand da, um gemeinsam Zeit zu verbringen.
  • Sparsamkeit: Dadurch, dass ihr euch Miete oder Pacht teilt und auch Alltagsgegenstände wie Herd oder Waschmaschine gemeinsam nutzt, sparst du Geld. Auch durch den eigenen Anbau von Obst und Gemüse sparst du Geld beim Einkaufen.
  • Ressourcenschonend: Im Vergleich dazu, dass jeder einen eigenen Haushalt hätte, spart ihr enorm Ressourcen ein, vor allem in Hinblick auf Heiz- und Wasserkosten. Wenn ihr nun noch, wie in einem Ökodorf, euer Obst und Gemüse selbst anbaut und zum Beispiel Carsharing betreibt, haltet ihr euren ökologischen Fußabdruck gering.
  • Entlastung als Eltern: Gemeinschaften, in denen mehrere Kinder leben, können für Eltern eine große Entlastung bedeuten. Die Kinder können sich gemeinsam beschäftigen und haben mehrere Ansprechpartner. So kann es sein, dass sie gänzlich auf eine Fremdbetreuung verzichten können.

Welche Herausforderungen bringt das Leben in Gemeinschaft mit sich?

  • Privatsphäre: Vor allem, wenn du ein Mensch bist, der gerne alleine ist und seine Ruhe hat, kann das Leben in einer Gemeinschaft für dich zur Herausforderung werden. Du musst immer mit der Anwesenheit anderer rechnen.
  • Streitpunkt Geld: Auch wenn du in einer Gemeinschaft Geld sparst, kann dieses auch zum Streitpunkt werden. Wenn einer zum Beispiel mehr Wasser oder Strom verbraucht als die anderen, die Kosten jedoch geteilt werden, kann es zu Streitigkeiten kommen.
  • Streitpunkt Aufgabenverteilung: Ob es um Haushaltsaufgaben geht oder um die Mithilfe beim Bau eines neuen Gemeinschaftsraumes – es kann in diesem Punkt schnell zu Konflikten kommen. Wenn zum Beispiel einer der Meinung ist, der andere hilft zu wenig mit, kommt es schnell zu Konflikten. An einer fairen Verteilung der anfallenden Arbeiten muss stets gearbeitet werden.
  • Gemeinschaftsregeln: Beim Zusammenleben ist es unabdingbar, dass sich alle an gewisse Regeln halten. Ob dir diese gefallen oder nicht. Dies kann ein Haushaltsplan sein, Ruhezeiten oder die Anwesenheit bei regelmäßigen Besprechungen.
Schalen mit Tomaten

Du findest keine passende Gemeinschaft? Gründe deine eigene!

Du möchtest unbedingt in einer Gemeinschaft leben, aber findest einfach nicht die passende?  Dann kannst du auch darüber nachdenken, deine eigene Gemeinschaft zu gründen. Hierfür ist es hilfreich, wenn du Gleichgesinnte findest, mit denen du gemeinsam dein Projekt voranbringen kannst. In diesem Fall sind zum Beispiel Online-Portale, Telegram-Kanäle oder Facebook-Gruppen hilfreich. Doch auch auf Festivals oder passenden Veranstaltungen kannst du Kontakte knüpfen. Hilfreich kann es sein, mit Menschen zu sprechen, die diesen Prozess bereits durchlaufen haben und dir wertvolle Erfahrungswerte mit an die Hand geben können. 

Gemeinschaft – Fluch oder Segen?

Wir haben zwei Personen getroffen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Leben in Gemeinschaft gemacht haben. Denn dieses Lebensmodell ist nicht für jeden geeignet und fordert ein gewisses Maß an Kooperations- und Konfliktfähigkeit.

Anton von der Finca Argayall auf La Gomera

Anton ist 24 Jahre alt und lebte seit seiner Geburt in einer alternativen Gemeinschaft auf La Gomera. Für ihn ist es Teil seiner Identität und er ist beeindruckt davon, was für eine Kraft Gemeinschaft hat.

„In Gemeinschaft ist so viel mehr möglich. Wenn wir uns zusammentun und unsere Kräfte bündeln, dann ist einfach alles möglich.“ Vor allem als Kind genoss er es, mitten in der Natur zu sein und sich frei bewegen zu können. Auch wenn er in seiner Jugend für einige Jahre die Gemeinschaft verließ, kehrte er doch wieder zurück.

Langfristig kann Anton sich vorstellen, nach Beendigung seines Studiums ein lebendiger Teil des Projekts zu sein: „Ich möchte die Gemeinschaft unterstützen, vielleicht den Platz auch übernehmen. Ich möchte mit von der neuen Generation sein, um dieses Gemeinschaftsleben weiterzuführen, weil ich das Gefühl habe, dass es so gebraucht wird gerade in unserer Gesellschaft.“

Anton von der Finca Argayall auf La Gomera
Anton wuchs in einer Gemeinschaft auf

Er merkt, dass das Gemeinschaftsleben und das Leben in der Natur ihm gut tut. Vor allem der direkte Kontakt mit Menschen ist für ihn ein wichtiger Bestandteil: „Ich kann hier Menschen in die Augen gucken, meine Gefühle rauslassen und weinen. Das fällt mir in der Welt da draußen sonst so schwer.“

Nadja von einer Lebensgemeinschaft in Spanien

Auf meiner Reise durch Spanien im vergangenen Jahr traf ich auf eine Belgierin, welche die Vision hatte, ein Stück Land zu kaufen und dort eine Gemeinschaft aufzubauen. Ich war von der Idee begeistert und wollte ein Teil davon sein. Wir fanden uns als eine Gruppe von 8 Menschen verschiedenen Alters zusammen und planten unser Projekt. In der folgenden Zeit besichtigten wir Grundstücke und schließlich entschied sich die Belgierin für ein Grundstück, das wir anderen im Vorfeld nicht gesehen hatten.

Schon als wir dort ankamen, fühlte ich mich nicht wohl. Es war ganz anders als in meiner Vorstellung und dennoch gab ich dem Ganzen eine Chance. Wir trafen uns täglich zu Morgenbesprechungen, verteilten anfallende Aufgaben und schufteten in der spanischen Sonne was das Zeug hielt. Täglich kam es zu Konflikten – ganz normal in einer Gemeinschaft, die sich gerade erst findet – und wir mussten viel sprechen, klären und austragen.

Das Ganze empfand ich aus ungeheuer kräftezehrend und immer wieder bemerkte ich, dass es schwierig war, die Erwartungen aller in Einklang zu bringen. Während manche den ganzen Tag am Aufbau der Gemeinschaft arbeiteten, machten wiederum andere gerne Siesta oder verbrachten ihre Wochenenden am Strand. Es kam nach und nach zu immer mehr Konflikten, sodass wir unsere täglichen Treffen fast mehr dazu nutzten, diese zu klären, als an unseren Vorhaben weiterzuarbeiten. Mir wurde das Ganze schon nach wenigen Wochen zu viel und ich verließ die Gemeinschaft. Bis heute kann ich mir nicht vorstellen, in einer Gemeinschaft zu leben, weil ich das Gefühl habe, dass meine Freiheit beschnitten wurde und ich diese Erfahrung nicht noch einmal machen möchte.

Ob du nun auf den Geschmack gekommen bist und dich direkt auf die Suche nach einer Gemeinschaft gemacht hast oder festgestellt hast, dass das Ganze nichts für dich ist – wir hoffen, dieser Artikel konnte dir umfassende Einblicke in das Thema geben. Das Zusammenleben mit anderen kann ebenso bereichernd wie anstrengend sein und bringt nicht selten einiges an Konfliktpotential mit sich. Dennoch sind es doch oft gerade die Begegnungen mit Menschen, die unser Herz berühren und uns wachsen lassen. Verschiedene Gemeinschaften und Wohnprojekte in Deutschland findest du übrigens auch unter Bring-Together

Fazit zum Leben in einer Gemeinschaft

Es kann ungeheuer inspirierend sein und gleichermaßen anstrengend. Eines ist ganz sicher: Das Leben in Gemeinschaften fördert deine persönliche Weiterentwicklung, denn wahrscheinlich findest du nirgends sonst so viele Möglichkeiten dich besser kennenzulernen, deine Trigger zu erkennen und daraus zu wachsen.

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