Vor kurzem bin ich auf das Zitat eines Philosophie-Professors gestoßen, das so viel sagte, wie „Bildung beginnt mit Neugierde“ und fand es in Bezug auf das Thema Freilernen wunderbar passend. Als Freilerner bezeichnen wir Menschen, die sich fernab von der Institution „Schule“ selbstbestimmt Wissen aneignen. Was in vielen Ländern selbstverständlich ist, wird in Deutschland noch immer als gesetzeswidrig betrachtet und ist den meisten Menschen eher fremd. Ab dem sechsten Lebensjahr gilt die sogenannte „Schulgebäudeanwesenheitspflicht“ und von da an folgt die Bildung der jungen Menschen einem strengen Lehrplan. Dass es auch anders geht, zeigt die stetig wachsende Freilerner Szene. Doch wie funktioniert Freilernen in der Praxis? Wird mein Kind dann niemals Schreiben und Lesen lernen, wenn es keine Lust dazu hat? Hier erfährst du mehr.

Mein Besuch in einer freien Schule

Mein Sohn wird bald schulpflichtig, doch dem deutschen Schulsystem stehe ich schon länger eher kritisch gegenüber. Also machten mein Mann und ich uns auf die Suche nach einer freien Schule, mit der wir uns einen guten Kompromiss zwischen Freilernen und Schulpflicht – erhofften. Wir mussten online einen langen Fragebogen ausfüllen, der viele persönliche Fragen, vor allem im Umgang mit unserem Kind und unseren Wünschen für ihn enthielt. Es folgte ein sehr nettes Telefongespräch und wir wurden zum Kennenlernen eingeladen.

Das Schulgebäude sah auf den ersten Blick aus wie ein normales Wohnhaus, doch als wir reinkamen, hörten wir Kinderlachen und wurden von fröhlichen Gesichtern begrüßt. Ein 8-jähriger Junge führte uns herum, er besuchte die Schule schon länger und kannte sich aus. „Hier ist der Malraum, dort der Nähraum und hier hinten das Lesezimmer“., begann er und zeigte uns die verschiedenen Bereiche. Viele kleine Zimmer waren themenbezogen bestückt, sodass jeder auf seine Kosten kommt. Wir besichtigten noch die Holzwerkstatt, den Musikraum, das Lego-Bau-Zimmer, die Fahrradwerkstatt, die große Gemeinschaftsküche und bestimmt noch mehr Räume, an die ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann. Das Außengelände wirkte naturbelassen und mein 5-Jähriger verschwand direkt mit ein paar neuen Kumpels zwischen den Bäumen zum Spielen.

Freilerner Kinder Schule Lernen
Kinder beim Lernen

Freilernen bedeutet vor allem Vertrauen ins Kind

Nun hatten wir Zeit, Fragen zu stellen. Wir wollten zunächst einmal wissen, wann entschieden wird, ob wir den Schulplatz bekommen, denn wir hatten direkt ein gutes Gefühl. „Das werden die Kinder nachher entscheiden.“, sagte die Leitung, als wäre es das Normalste auf der Welt. „Wir können uns noch so sympathisch sein, aber, ob euer Kind zu uns passt, das liegt in den Händen unserer Schüler.“ Ich war erst einmal überrascht, fand dieses Vorgehen aber direkt toll. Hier hatten wirklich die Kinder das Sagen und das mag ich.

„Ihr seid euch darüber bewusst, dass euer Sohn bei uns keinen Abschluss erwerben wird?“ prüfte unser Gegenüber nach. Ja, das sind wir. Auch, wenn wir deswegen aus unserem familiären Umfeld auch Gegenwind bekommen haben. „Ihr verbaut ihm die Chancen auf ein Studium! Was ist, wenn er Anwalt werden möchte?“ und noch mehr mussten wir uns anhören. Ja, es gehört eine Menge Vertrauen ins Kind dazu, wenn man sich dazu entschiedet, dass sein Nachwuchs ein Freilerner werden soll. Und wir sind fest davon überzeugt, dass unser cleverer, kleiner Mann sich all das aus eigenem Antrieb aneignen wird, was er braucht und wissen möchte. Und sollte er einmal studieren wollen und einen bestimmten Abschluss brauchen, so stehen ihm alle Möglichkeiten offen, diesen nachzuholen und sich selbstbestimmt das Wissen anzueignen, was er dafür braucht.

Wird unser Sohn in der freien Schule aufgenommen?

„Wir haben ein Mädchen hier, die nun mit zwölf Jahren erst anfängt, Interesse fürs Lesenlernen zu entwickeln“, platzte die Schulleiterin in meine Gedanken. Wumms, das hat gesessen. „Mit zwölf erst?“, fragte mein Mann erschrocken und ich sah, dass er schlucken muss. „Ja, jeder in seinem Tempo und nach seinen Interessen. Freilernen erfordert sehr viel Vertrauen in das Kind und in seine natürliche Neugierde.“ fuhr die Pädagogin fort und ich merkte, dass sie versuchte, in unseren Gesichtern zu lesen, ob wir wirklich bereit dazu sind, loszulassen und unseren Sohn seine Bildung selbst gestalten zu lassen. Ja, das sind wir, wir fühlen uns wohl an dieser Schule und können uns nichts anderes für unseren Wirbelwind vorstellen.

Die Kinder kamen vom Spielen wieder, zogen sich zur Beratung zurück und gaben unserem Sohn einen Daumen nach oben. Wir sind unglaublich froh und freuen uns nun alle zusammen auf den ersten Schultag.

Freilerner Schule Lesen Natur
Zwei Kinder beim Lesen in der Natur

Freilerner Familie auf Reisen im Wohnmobil

Es gibt aber auch viele Familien, die dauerhaft auf Reisen sind, keinen festen Wohnsitz haben und deren Kinder keine Schulform besuchen. Wir verbringen den Winter vor dem Schulstart gerade mit dem Wohnmobil in Spanien und treffen viele Familien, deren Kindern Freilerner sind. Manche von ihnen lassen ihren Kindern komplett freien Lauf und stellen lediglich Materialien bei Bedarf zu Verfügung, andere haben sich Strategien überlegt, wie Bildung interessenbezogen funktionieren kann, so wie Familie Soller. Papa Sergej und Mama Ira sind mit ihren drei Mädels (10, 8 und 6 Jahre) seit einigen Monaten im Wohnmobil unterwegs und haben sich an das Thema Freilernen erst herantasten müssen. Ich habe ihnen ein paar Fragen stellen dürfen:

Freilerner Familie Soller Kinder Landschaft
Die Kinder der Familie Soller

Ihr habt eure Kinder von der Schule beurlauben lassen und lasst sie seitdem frei lernen. Hattet ihr Angst vor diesem Schritt?

„Oh ja. Und wie! In unserer eigenen Erziehung hat Bildung Priorität gehabt. Bis auf wenige Ausnahmen haben praktisch alle aus unserer Großfamilie studiert. Entweder in der Sowjetunion oder in Deutschland. Es war also auch für uns von Anfang an klar, dass unsere Kinder einen höheren Bildungsgrad erwerben müssen. Schule war in unseren Köpfen als Synonym mit Bildung gleichgesetzt. Die Idee, dass unsere Kinder Bildung ohne Schule erwerben könnten, schlich sich erst vor ein paar Jahren in unser Bewusstsein ein. Aber damit haben wir den Rest abgehängt. Freunde sind skeptisch, die Verwandtschaft hat kein Verständnis und die eigene Familie wirft uns vor, die Zukunft der Kinder aufs Spiel zu setzen. Also ja, wir hatten große Angst, weil die gesamte Herde mit dem Kopf geschüttelt hat und immer noch schüttelt. Und die Masse hat ja bekanntlich recht 😉

Dass wir die Zukunft unserer Kinder aufs Spiel setzen, nur weil sie keine staatliche Schule besuchen, glauben wir nicht mehr und haben da auch keine Zweifel.“

Welche Strategien habt ihr entwickelt, um Freilernen in euren Alltag zu integrieren?

„Im Laufe des Schuljahres ist uns an den Kindern etwas aufgefallen. Sie stellten irgendwann nur noch drei Fragen:

  • Darf ich etwas Süßes?
  • Darf ich fernsehen?
  • Darf ich mit xyz spielen gehen?

Das war‘s. Keinerlei Anzeichen von Neugier oder Wissenshunger. Auf das Wort „lernen“ reagierte insbesondere unserer älteste fast allergisch. Sie betrachtete es als Strafe, wenn wir mit ihr den Stoff der Schule üben wollten.

Das fanden wir schade. Schließlich wollten wir als Eltern ihnen die Welt auch aus unserer Sicht erklären. Dafür müsste ein Kind aber erst einmal in den Empfangsmodus wechseln und Fragen stellen.

Mittlerweile kommt die Neugier der Kinder zurück. Sie stellen vermehrt Fragen. Wir hören zu und versuchen die Fragen so gut es geht zu beantworten. In Diskussionen beim Essen, mit Dokumentationen oder mit Hilfe des Internets.

Wir sind dazu übergegangen diese Fragen auf Zettel zu schreiben. Jeder von uns zieht einmal die Woche eine Frage, recherchiert die Antworten und erklärt sie dem Rest vor dem Abendessen. Am besten mit Bildern. So wissen wir jetzt beispielsweise mehr über Tsunamis und Polarlichter. Wissen, wie Chips und Gummibärchen hergestellt werden und wie unsere Solaranlage auf dem Dach des Wohnmobils funktioniert.

Wir versuchen sie auch dahingehend zu lenken, dass sie sich die Fähigkeit aneignen sich die Fragen selbst zu beantworten. Also die neuen Medien zu nutzen, um entsprechende Antworten zu finden. Wir experimentieren und schauen was für uns funktioniert und was nicht. Trial and error.“

Gab es ein Erlebnis, das euch darin bestärkt hat, dass Freilernen für eure Mädels funktionieren kann?

„Ja, viele.

Unsere 10-jährige Tochter hat eine auditive Wahrnehmungsstörung. Ihr fällt lernen über das Gehör schwer. Sie hat praktisch mit allen Themen Schwierigkeiten, die im Frontalunterricht vermittelt werden. Und wenn die gesamte Wissensvermittlung auf dem Gehör aufbaut, dann hat sie Nachteile, für die sie einfach nichts kann.

Lesen war schon immer ein rotes Tuch für sie. Als sie sich neulich aus einem Regal mit gespendeten Büchern (von sich aus) ein Buch aussuchte und las, ist uns die Kinnlade runtergefallen.

Unsere mittlere Tochter hat in nur 6 Wochen minutengenaues ablesen der Uhr, navigieren mit Hilfe einer Karte und auf den Cent genaues rechnen mit Geldbeträgen gelernt, weil sie auf diese Themen einfach Lust hatte. Weder hatten wir sie dazu motiviert, noch war das Schulstoff.

Es ist der bisherige Gesamteindruck, der uns glauben lässt, einen guten Weg eingeschlagen zu haben.“

Wer mehr über Familie Soller wissen möchte, kann gerne bei Papa Sergejs Podcast vorbei hören. Hier erzählt er vom Alltag auf Reisen und was die Freilerner Familie so alles erlebt.

Symbolbild: Gecko auf einer Kinderhand

Vier Freilerner Kinder auf dem Mitananda Hof

Noch ein wunderbares Beispiel, wie Freilernen als Familie gut funktionieren kann, haben wir bei Familie Siakkos auf dem „Mitananda Hof“ erfahren dürfen. Hier leben vier Freilerner Kinder, die nicht in die Schule gehen und dennoch täglich etwas Neues lernen. Mutter Karin war selbst für vierzehn Jahre lang als Lehrerin tätig und hat dem Schulsystem dennoch abgeschworen. „Früher war es für mich unvorstellbar, dass man ohne Schule lernen kann“, berichtet sie. „Doch dann habe ich zwei Bücher über Unschooling gelesen und meine Meinung grundlegend geändert.“ Vater Nico hingegen hatte schon immer wenig Freude an der Schule gefunden und sich lieber alles selbst beigebracht.

Beim Freilernen auf dem Mitananda Hof sind die Kinder der Lehrplan. Alles, was sie wissen wollen wird recherchiert, bei Bedarf mit Hilfe der Eltern. So hat Sohn Tamino zum Beispiel mit Hilfe seines Vaters ein Gehege für die Schafe des Hofes gebaut. Er hat die Größe berechnet, das Material ausgewählt und zugeschnitten. Mathematik im Alltag! „Lesen, Schreiben und Rechnen haben unsere Kinder gelernt, weil sie es wollten“, erzählt Mutter Karin zufrieden. Dass Freilerner Kinder Dinge lernen, die in keinem Lehrbuch stehen, beweist auch Tochter Allegra, die uns selbstsicher erklärt, welche Pflanzen essbar sind und ganz genau weiß, wie aus Kaulquappen Frösche werden. Biologie erklärt die Natur eben immer noch am besten.

Alle Kinder der Freilerner Familie wachsen dreisprachig auf und können englisch, deutsch und griechisch verstehen. „Meine Kinder beim Lernen zu begleiten und gemeinsam etwas zu entdecken, die Freude und die Liebe zur Natur, den Tieren und Menschen und, dass sie jeden Tag etwas anderes erleben, neugierig sind, Dinge zu entdecken, ihre Stärken auszubauen und ihre Begeisterung zu leben, das ist etwas, das ich nie wieder aufgeben möchte“, erzählt uns Karin und wirkt mit ihrer Entscheidung, ihre Kinder frei lernen zu lassen, vollkommen zufrieden.

Wer mehr über die Familie erfahren möchte, schaut gerne auf ihrer Homepage vorbei oder besucht sie in ihrem Begegnungszentrum „Mitananda Hof“.

Es kann auch schiefgehen

Auf unserer Reise habe ich jedoch auch Familien getroffen, für die das Konzept vom Freilernen nicht funktioniert hat. Oft waren es Kinder, die vorher eine Regelschule besucht hatten und es somit nicht gewohnt waren, selbstbestimmt zu lernen. „Bei uns endete es darin, dass ich am Rechner saß und arbeiten musste und meine Tochter die ganze Zeit am Handy hing“, erzählte mir eine Mutter enttäuscht. Die natürliche Neugier wieder zu entfachen, wird meines Erachtens schwieriger, je länger das Kind vorher Bildung als Zwang und als Pflicht erlebt hat. Jüngere Kinder, die es von Anfang an gewohnt sind, frei zu lernen, folgen einfach weiter ihrem natürlichen Antrieb und entwickeln ihre Interessen.

Mein Fazit

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass Freilernen vor allem eins erfordert: Vertrauen der Eltern in das natürliche Bedürfnis ihres Kindes, Neues zu lernen. Vertrauen in die Neugier dieser jungen Menschen, sich Dinge anzueignen und sich selbstbestimmt nach ihren Stärken und Interessen zu bilden. Wenn aus einem „Das musst du können!“ eine Freiheit wird, Dinge zu entdecken und zu erfragen, wird Lernen wieder etwas, das Spaß macht. Denn „Beim Lernen geht es nicht ums verdienen, sondern, um eine Art zu blühen.“, wie man sagt. Kinder sind wissbegierig und lernen immer und überall. Jeden Tag. Sie fragen uns Löcher in den Bauch, ahmen uns nach und verstehen dabei. Lernen ist etwas ganz Natürliches und für Kinder mit genau so viel Spaß verbunden, wie Spielen.

Wenn wir dafür sorgen, dass aus dem Lernen keine Pflicht wird, sondern unsere Kinder ihren inneren Antrieb bewahren lassen, findet Bildung wieder zu ihrer ursprünglichen Form zurück, ohne Bewertung, ohne Vergleiche, ohne Zwang. Stattdessen mit Freude am Wissen und purer Neugier.

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